Zeetah´s Page

Immer nur das eine

Wenn Herrchen nicht mehr weiter weiß, dann geht er mit mir aus. Wenn ihm gar nichts mehr einfällt, dann wird es eine richtig schöne lange Runde, in den Gutspark oder zum Kupferteich oder noch weiter. Ich für mein Teil bin also nicht böse, wenn er mal wieder eine Information nach Hause bringt, für die er einen langen Verdauungsspaziergang einlegen muss.

So wie neulich. Da hat er von einer Umfrage unter deutschen Spitzenverdienern erzählt und ihrem größten Wunsch. Weißt du, was sie sich wünschen? Du rätst es nicht: Finanzielle Sicherheit. Was für mich wieder einmal bestätigt, dass an dieser ganzen Wünscherei etwas faul ist. Man kann etwas längst haben und es sich immer noch wünschen, weil man nie darüber nachgedacht hat, was "genug" ist. Auf diese Weise ist "genug" immer eine Nasenlänge vor dir, egal wie schnell du bist und wie lange du schon rennst.

Bei mir ist das so: Ich kann ohne mit der Wimper zu zucken ein zweites Mal meinen Napf leerfuttern, wenn Frauchen zum Beispiel nicht weiß, dass Herrchen mich gerade gefüttert hat. Dann kriege ich ohne Probleme nochmal denselben hungrigen Blick hin. Aber dann habe ich Lust auf etwas anderes, zum Beispiel ein Verdauungsschläfchen mit schönen Träumen von Katzen und Motorrädern. Das Leben hat so viel zu bieten, was gar nichts mit Fressen zu tun hat! Soll ich mich weiter mit Futter beschäftigen, wenn ich schon satt bin? Wie ich vielleicht an eine dritte Napffüllung kommen könnte, und wo ich sie deponieren könnte, für den Fall, dass Herrchen oder Frauchen einmal ganz vergessen, mir meine tägliche Ration zukommen zu lassen? Ist zwar noch nie passiert, könnte aber. Man weiß ja nie.

***

Und wenn dann noch jemand käme, der mir sagte: Leih mir deinen gefüllten Napf, und ich gebe dir mehr zurück, als du mir gegeben hast ... verlockend, wenn ich wüsste, was ich mit dem ganzen Futter anfangen sollte, das ich gar nicht mehr allein vertilgen kann. Auf jeden Fall könnte ich probieren, mich mit der Futterhalde im Hintergrund sicherer zu fühlen. Aber wie groß müsste sie sein? Ich bin jetzt sechs Jahre alt und könnte gut noch einmal so alt werden. Das sind 2.190 Tage = Näpfe, und ein paar Leckerli obendrauf an jedem Tag würden ja auch nicht schaden. Wie spare ich das an? Wer vermietet mir einen Lagerraum, und gegen welche Futterbeteiligung? Wenn ich so viel ansparen muss, ist es dann nicht sinnvoll, ab sofort zu fasten? Und wo bleibt meine Lebensqualität, wenn ich jetzt nur noch hungrig bin?

***

Vielleicht käme dann ein zweiter Depot-Manager und würde sagen: Gib dein Futter mir, und ich gebe dir mehr als der andere. Aber auf dein Risiko. Vielleicht verlierst du auch alles. Und, statt das Leben jetzt zu genießen, würde ich anfangen, herumzugrübeln. Wenn ich jetzt einfach meinen Napf leerfresse, was ist dann morgen? Werde ich wirklich etwas bekommen? Ich bin jetzt 6 Jahre lang täglich satt geworden, aber muss das wirklich so bleiben? Wie vertrauenswürdig sind meine Menschen? Und wenn ihnen was zustößt, was wird dann aus mir? Schon ist der Spaß am Futtern weg. Und der Spaß am Leben gleich mit. Sorgen und Angst schleichen sich ein. Pfui ist das. Und was will ich, um nicht als Nervenbündel zu enden? Sicherheit. Ökotrophologische Sicherheit.

Ich stelle mir vor, ich erzähle das meinem Bruder Merlin. Er würde mich nur angucken und sagen: Probier mal, was in meinem Napf ist. Und dann komm mit auf die Piste. Ich weiß, wo man ganz toll Enten zu Wasser lassen kann.

Zurück zu unseren stressgeplagten Spitzenverdienern. Möchtest du wirklich mit ihnen tauschen und ihr Lebensgefühl mit übernehmen? Sie fühlen sich nicht sicher und denken, noch mehr Geld würde ihr Problem lösen. Obwohl das bis jetzt auch schon nicht geklappt hat. Aber daran verschwenden sie keinen Gedanken. Und davon können wir was lernen. Nämlich: Der Spruch "Geld beruhigt" stimmt nur bis zu einem bestimmten Kontostand. Der ist niedriger, als du annimmst. Danach beunruhigt es wieder, und die Kurve steigt steil an, das kannst du mir glauben.

Zeichnungen (3): Britta Thordsen

Und du? Was wird "genug" für dich sein? Hast du die Grenze zur Beunruhigung schon überschritten? Wenn ja, würde jeder Schritt in dieselbe Richtung dazu führen, dass deine Unruhe zunimmt und du immer schneller läufst. Und mit jeder Temposteigerung würde deine Unruhe noch schneller wachsen, und dann würdest du noch schneller laufen und noch schneller und noch unruhiger werden und noch schneller laufen ...

Hundelogik? Zu tierisch? Überleg mal: die Tiere haben auf dieser Erde schon viel länger überlebt als die Menschen. Tiere leben in der Gegenwart. Und dem Leben bleibt nichts anderes übrig, als für sie zu sorgen. Probier das doch auch mal. Jeden Tag fließt dir etwas zu, wenn du nicht total auf der Leitung stehst. Wau!


zum Anfang      mehr von Zeetah     mailto Zeetah       Zeetahs Gästebuch      [home]