Zeetah´s Page

Bist du auch ein Plastinat?

"Guck mal, Zeetah, die Körperwelten kommen nach Hamburg!" Ach, die Körperwelten. Im Sommer-Urlaub haben mich nur die Backofentemperaturen vor einem 150-km-Trip bewahrt - so nah waren wir bisher an die Körperwelten herangekommen, und so wild drauf war mein Herrchen, sie einmal anzuschauen. Und nun sollten sie also zu uns kommen. Ich habe - mein Interesse dokumentierend - bereitwillig den Stromverteilerkasten beschnüffelt, an dem das Plakat klebte, und nichts als alten Kleister gerochen. Nicht ein interessanter Kollege hatte bisher das Bein daran gehoben.

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"Who is who?" wuffte mein Bruder Merlin, als wir uns Bilder wie dieses im Internet anschauten. Maulfaul wie er ist, rechnete er schon damit, dass ich wüsste, was er meinte: "Welcher von den beiden ist der Professor?" Am Geruch hätte er ihn natürlich gleich erkannt - aber das Geruchs-Web gibt es ja noch nicht. Das müssen dann wieder wir Hunde erfinden, aber wir warten noch ab, was das Internet den Menschen wirklich bringt.

Spannend für mich als Hund ist ja, was Menschen sagen und tun, wenn ihnen jemand zeigt, wie sie von innen aussehen. Da geht richtig die Post ab! Der weise Hund beschränkt sich in der Diskussion mit Artgenossen natürlich auf die beiden Kernfragen: erstens, wo beim Menschen eigentlich "innen" ist. Zweitens, oder - wenn du willst - immer noch erstens: ob der Mensch das ist, was zum Plastinieren übrig bleibt, oder das andere, was dann nicht mehr da ist, wenn die Frage konkret wird.

Bevor man lernte zu plastinieren, hat man ausgestopft. Tiere übrigens schon lange. Hunde können auf diese Weise als Erinnerung an sich selbst behalten werden, ohne immer rauszumüssen oder im Regen streng zu riechen. Von Menschen hat man dies noch nicht gehört - gedacht hat vielleicht der eine oder andere schon daran, wie z.B. der Kabarettist Hans-Werner Olm, der - im Rahmen eines streng satirischen Programms - einmal gesagt hat: Wenn Ehepartner einander nicht verstehen, liegt das gar nicht so selten daran, dass der eine von beiden nicht ausgestopft ist. Aber welcher?, frage ich dich.

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Für den nachdenklichen Hund ergibt sich die Frage: Ist ein ausgestopfter Mensch leichter zu verstehen als ein im üblichen Sinn lebendiger? Auf jeden Fall ist er berechenbarer. Ein plastinierter Mensch müsste dann noch leichter zu verstehen sein, denn erstens tut auch er nichts Überraschendes mehr, und zweitens kann man auch noch in ihn hineinsehen. Außerdem verlängert sich sein Mindesthaltbarkeitsdatum beträchtlich, wenn ich das richtig verstanden habe: er altert nicht mehr und wird weder tüdelig noch verbittert, weder anstrengend noch unbequem. Nichts als Vorteile! Kein Wunder, dass sich immer mehr Plastinate in Wohnungen und Büros finden.

Wer erstmal üben möchte, seine Ehe zu retten, ohne sich gleich endgültig festzulegen, kann übrigens auch ein T-Shirt kaufen mit dem Aufdruck: "Ich bin ein Plastinat". Dann muss er nur noch danach handeln.

Das wiederum scheint vielen Menschen überhaupt nicht schwer zu fallen, auch wenn sie so ein T-Shirt noch gar nicht besitzen.

Für mich als Hund ist das Eigentliche am Menschen, dass ich mit ihm eine Beziehung haben kann. Dazu muss er lebendig sein. Mich interessiert, wie sich das Leben in ihm ausdrückt. Mich interessiert: Ob er liebevoll ist oder nicht. Worum er sich bemüht. Was er für diese Welt tut. Hunde haben eine unglaublich feine Nase für so etwas. Gibt er etwas? Wer nichts gibt und nichts bewegt, könnte zum "Plastinat des Monats" vorgeschlagen werden. Wir Hunde wählen "das Plastinat des Monats" übrigens schon, seit es Körperwelten gibt. Aber wir sprechen nicht öffentlich darüber.

Weißt du übrigens, was ich am spannendsten finde an den Körperwelten? Wie Körper entstehen, bevor sie konserviert werden. Körper auf dieselbe Weise nachbauen, wie sie entstehen, kann nämlich keiner. Denk mal drüber nach, was "Leben" und "Wachsen" wirklich bedeutet. Wenn du ein Hundefreund bist, weißt du, was ich meine. Genieße mit deinem Hund die Lebensfreude, die er dir schenkt. Vielleicht kriegst du dann auch Lust, dein ganz persönliches "Plastinat des Monats" zu wählen (es gibt so viel Auswahl!). Und dich daran zu freuen, dass du im Gegensatz zu den vielen Leichen in den verschiedensten Aggregatzuständen um uns herum, - lebst und es weißt.

Sehen wir uns an der frischen Luft?


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