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Stressfrei im Hier und Jetzt

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Herrchen hat einmal erzählt, dass Menschen meistens gleichzeitig in der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft leben. Schwer vorstellbar für ein gesundes Tier. Das heißt ja, dass so ein Zweibeiner höchstens zu einem Drittel in der Gegenwart lebt. Das zweite Drittel ist ein Film von dem, was schon war, und das dritte Drittel ein Film von dem, was noch gar nicht da ist. Wie sie das wohl organisieren? Ein dreigeteilter Bildschirm vor dem geistigen Auge? Drei Bilder übereinander? Ständig hin- und herjagende Aufmerksamkeit? Und wie halten sie den Gefühlsmix aus, der dann entsteht?

Gut, sie tun das wohl nicht absichtlich. Es scheint so, als ob ihr Gehirn bei allem, was von draußen reinkommt, einen Kommentar mitliefert und Archivmaterial, dazu jede Menge Wünsche, wie es sein und werden soll. Ganz schön viel Stoff, wenn du mich fragst. Für meine Nerven wäre das nix.

Schwer vorstellbar, wie gesagt. Mir reicht schon dieses komische Fernsehgerät, wo etwas ganz anderes spielt als das, was gerade im Raum passiert. Und wenn man sich die Menschen vor dem Fernseher anguckt, dann sind sie schon zwei parallelen Realitäten nicht gewachsen: sie stellen jede Lebenstätigkeit ein, fallen in hypnotische Trance, psssten sich zu, wenn einer was sagt, wollen mit dem Hund nicht mehr Ball spielen, geschweige denn ausgehen ... Und das schon bei nur einem Film neben dem Theater, das sie gerade selbst aufführen.

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Deshalb finden sie zum Beispiel "Zen" so toll. Über Zen gibt es jede Menge dicke und dünne Bücher, wo drinsteht, wie man einfach tut, was zu tun ist, und geistig nicht woanders ist. Als Hund würde man ja denken, dass es viel dickere Bücher geben müsste, die einem beibringen, wie man sein Gehirn dazu bringt, sich mit etwas ganz anderem zu beschäftigen als mit dem, was gerade los ist. Wer ist jetzt die überlegene Lebensform? Schon gut, Herrchen, ich komme zur Sache.

"Zen" also. Da gibt es meditative Übungen, wo man auf eine weiße Wand starrt und sich innerlich von allem löst, was da ist. Man kann sich dabei helfen, indem man immer dann, wenn ein Geräusch vorbeikommt, innerlich "hören, hören" sagt, oder wenn einem die Knochen wehtun vom auf-der-Erde-Hocken und auf-die-Wand-Starren: "fühlen, fühlen". Verstehst du das Prinzip? Du erzählst dir nur, über welchen Kanal ein Sinneseindruck reinkommt, und ignorierst total seine Bedeutung. Schon gar nicht leitest du daraus irgendwelche Handlungsimpulse ab. "Vipassana", nennen sie das. Ist in vielen Lebenslagen äußerst hilfreich.

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Wir Hunde können das schon lange. Wenn ich mit Herrchen oder Frauchen ausgehe, gehe ich gern unterwegs essen. Ich bin dabei längst nicht so gefräßig wie die beiden. Wie die essen gehen, das musst du mal sehen. Meine Art, essen zu gehen, ist viel natürlicher und bescheidener. Wenn mir aus einem Gebüsch oder einer Hecke ein angenehmer Duft entgegenkommt, gehe ich dem einfach nach und bediene mich. Kostnix und schmeckt immer exotisch. Und da kommt das Zen-Prinzip ins Spiel, das wir Schlappohren drauf haben, ohne dass wir uns die Knochen dafür verknoten müssen:

Herrchen brüllt: "Zeetah, raus da! Du sollst unterwegs nicht fressen!" Der gut trainierte Vipassana-Hund übersetzt: "Hören, hören", und das innere Gleichgewicht wird von dem akustischen Reiz überhaupt nicht angegriffen. Und natürlich: "futtern, futtern." Das muss man tun, solange man in einem Körper lebt, der Tag und Nacht sein Recht fordert. Voll konzentriert futtern. In der Gegenwart zu leben bedeutet, keinen noch so kleinen Gedanken an das Muffgesicht zu verwenden, mit dem Herrchen mich in wenigen Augenblicken empfangen wird. Es bedeutet auch, nicht an die Vergangenheit zurückzudenken, in der die Verstimmungen des Herrchens - und manchmal auch des Hundemagens nach unüberlegtem Einverleiben unpassenden Futters - sicher und unwiederbringlich abgelegt sind. Vorbei.

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Eins nach dem anderen also. Wenn das Geschmackserlebnis voll ausgekostet und das Futter verputzt ist, begibt man sich zurück auf den Weg, den man mit seinem Herrchen gemeinsam geht. Wenn Herrchen wütend ist, hat er jetzt ein Problem, weil seine Körpersäfte durcheinandergeraten: als geübter Zen-Hund würde ich ihm empfehlen, alle Erwartungen und Bewertungen seines Tieres loszulassen, sich auf seine Mitte zu konzentrieren und sich zu freuen, dass er nicht mit einer Katze oder Ratte unterwegs sein muss. (Es gibt auch noch Hamster, Meerschweinchen und Kaninchen!! Grusel.) Aber in solchen Situationen hört er nicht auf mich, das habe ich schon getestet.

Gut, er hat sich also schon wieder dafür entschieden, seine emotionale Balance zu verlieren. Der Hund im perfekten Gleichgewicht weiß, dass die gegenwärtige Erfahrung ("hören, hören") gleich vorüber sein wird. Wir krümmen das Kreuz ein wenig, senken die Rute auf angemessene Höhe, legen vorübergehend das Fahrwerk etwas tiefer, schauen Herrchen ab und zu tief in die Augen - und lecken uns natürlich kräftig und wiederholt Fang und Nase, weil es doch so herrlich geschmeckt hat eben im Gebüsch. Und dann leistet sich der weise Hund eine kleine Abweichung vom In-der-Gegenwart-Leben, indem er geistig beim Genuss verweilt, während er aus den Augen- und Ohrenwinkeln überprüft, ob das unausgeglichene Herrchen sich langsam wieder abregt. Es muss, denn jedes in Bewegung gesetzte Pendel gelangt am Schluss wieder in die ruhige Mitte zurück.

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Zeetahs Lieblings-Zen-Autor ist Janwillem van de Wetering. Der lässt sich auch nix sagen.


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